Über Scham, Sichtbarkeit und Freiheit
Heute durfte ich an einem Webinar der Reihe „Ich tu’s für mich“ teilnehmen. Thema: Scham und Stigmatisierung. Der Workshop wurde von Fabienne Mathier, Psychoonkologin, geleitet. Es kamen viele bereichernde Inputs aus der Gruppe und es entstand eine offene, vertraute Atmosphäre.
Scham und Stigmatisierung sind tatsächlich ein Thema, das uns Krebsbetroffenen meistens begegnen wird. Bei mir persönlich kam im ersten Jahr nach der Diagnose zuerst Scham auf, weil ich nicht mehr arbeiten konnte. Es ging mir doch „relativ“ gut? Zumindest äusserlich war nichts Besonderes an mir zu erkennen.
Im darauffolgenden Jahr wurde die Scham noch stärker zur regelmässigen Begleiterin: Mit dem Verlust meiner Haare, meiner Augenbrauen und somit meines gewohnten Aussehens verlor ich meinen äusseren Schutz, meine Grenze. Ich konnte nicht mehr entscheiden, wann Krebs zum Thema wird und wann nicht. Es stand mir ins Gesicht geschrieben: Ich habe Krebs.
Was mir geholfen hat, fragte Fabienne Mathier, als ich diese Erfahrung heute Morgen mit der Gruppe teilte. Ich hatte die Wahl: Entweder lasse ich mich von dieser Scham dominieren und verkrieche mich in meinem Loch. Oder ich konfrontiere mich und meine Umwelt weiterhin mit meiner Anwesenheit und meiner Erkrankung. Ich zeige, dass ich nicht nur mein Körper bin; dass ich weiterhin die energetische Mama bin, die ihre Kinder mit dem Anhänger durch die Gegend bugsiert, die leidenschaftliche Fotografin, die Frauen und Familien in ihrem Wesen und Chaos fotografiert, die Frau, die sich vollen Herzens über Seifenblasen, Paillettenkleider und gute Musik freuen kann.
Scham ist eine der grössten Barrieren zwischen unserem inneren Wesen und unserem Umfeld. Dass mich die sichtbaren Veränderungen so heftig in die Scham gedrückt haben, hatte zum Glück auch den Effekt, die Lebenslust in mir umso mehr zu wecken. So ging ich immer öfter mit dem Gedanken „Scheiss drauf“ raus in die Welt. Viel zu lange hatte mich das Bedürfnis nach Akzeptanz und Wertschätzung in einen Käfig gesperrt. Eine Krebsdiagnose wird oft als Katalysator der Selbstentwicklung beschrieben; und auch in puncto Integrität und Selbsttreue hat meine Diagnose mir definitiv geholfen. So einiges wird nach einer schweren Diagnose aussortiert. Scham kann definitiv weg.
Eigentlich hatte ich vor, dieses Webinar als Unterhaltungsprogramm zu meinem Crosstrainer zu nutzen. Es hat mich aber von Anfang an so gepackt, dass ich brav sitzen blieb und mir viele schöne Notizen machte. Es tut einfach immer wieder gut, erlebte Gefühle und Gedanken in Worte zu fassen und aufgezeigt zu bekommen, dass man meistens die Wahl hat, wie man mit der Situation umgehen möchte.
In diesem Sinne: Macht das, was euch guttut. Nicht das, was andere gut finden könnten.
